Ich habe mich lange bewusst gegen das Programmieren lernen entschieden.

Die ewige Diskussionen ob Designer programmieren können sollten. Für mich war die Antwort klar: Nein, soll ich nicht.

Nicht, weil Programmieren kein wertvoller Skill wäre. Im Gegenteil.
Aber weil es so viele andere Dinge gibt, die mir als Designer wichtiger und wertvoller erschienen. Von UX Kernthemen, wie Usability und Research, über Markenstrategie, Geschäftsmodellentwicklung, Growth Hacking und Pricing, hin zu Psychologie, Teamführung und Unternehmensprozessen.

Seit drei Monaten lerne ich Programmieren.

Mitte November habe ich mich bei The Odin Project angemeldet, einem Online Kurs, der seine Teilnehmer zu Full Stack Web Developern ausbildet.
Den Foundation Kurs habe ich Anfang Dezember abgeschlossen, seitdem lerne ich im Full Stack Ruby on Rails Pfad.

Was hat sich geändert?

Wir haben Freigeist eingestellt. Mein Team ist weg, aber mein Ziel ist weiterhin, erfolgreiche digitale Produkte zu erschaffen.

Ich werde wieder Bootstrappen, notfalls auch alleine

Ich will wieder gründen und ich möchte das wieder ohne Investoren machen.
Indem ich die Fähigkeit aufbaue, digitale Produkte selbst zu entwickeln, schaffe ich mir die Option auch alleine gründen zu können. Ich bin in meiner Entscheidung maximal flexibel, muss nicht erst andere von einer Idee überzeugen und spare mir Übergaben und Abstimmungsrunden.
Damit will ich nicht behaupten Solo-Gründen sei per se besser. Die Möglichkeit dazu zu haben, ist aber wertvoll.

In bootstrapped Teams, ist Development der Engpass

Bei Freigeist waren wir zuletzt zu dritt: Zwei Softwareentwickler haben sich um die Technik gekümmert und ich mich um alles andere: UX Design, Produktmanagement, UI Design, Branding, Marketing, Kundensupport, Buchhaltung und Organisation.
Obwohl ich auf dem Papier, so viel mehr Aufgaben hatte, war die Technik deutlich mehr Arbeit.
Man liest oft, dass eine gute Ratio von Produktmanagern zu Entwicklern zwischen 1:5 und 1:10 liegt. Für UX Designer kenne ich ähnliche Zahlen.
In einem Start-up, ohne Investoren, ist so ein Verhältnis nicht möglich.

Bei Freigeist war ich gedanklich oft schon vier Schritte weiter, als das, was gerade umgesetzt wurde. Gesund ist das nicht. Es stresst die Entwickler, wenn der Produtmanager ständig über noch ein zukünftiges Feature nachdenkt und es mindert die Qualität, wenn ich mich bei Rückfragen erst wieder neu in das Eindenken muss, was gerade gebaut wird.

Hätte ich mit programmiert, hätten wir eine gesundere Pace gefunden. Ich hätte nicht Layouts für Features designt, von denen wir gar nicht wissen, ob oder wann sie kommen, nur weil ich nichts anderes tun konnte.
Ich hätte aktiv mitgearbeitet, die Zusammenarbeit wäre enger gewesen, der Fokus klarer, das gemeinsame Verständnis höher und wir hätten ein besseres Produkt gebaut.

Tech Entscheidungen sind strategische Entscheidungen

Die Auswirkungen von technischen Entscheidungen, habe ich lange unterschätzt. Welcher Tech-Stack? Welche Architektur? Welche Datenmodelle? Welche Teststrategie?

Diese Entscheidungen machen einen Unterschied. Produkte können daran scheitern.

Vor allem aber macht es einen Unterschied, ob man über solche Fragen als Gründerteam reden kann. Ich möchte fähig sein, mich bei diesen Fragen einzubringen, ganz unabhängig davon, ob ich tatsächlich Code schreibe, oder nicht. Ich möchte auch die Verantwortung für diesen Teil des Produktes (mit-)tragen und dabei helfen, die beste Grundlage für einen möglichen Erfolg zu legen.

Es macht verdammt viel Spaß

The Odin Project (TOP) ist nicht ohne. Man ließt online von Menschen, die vier, fünf oder mehr Jahre gebraucht haben um es abzuschließen. In vielen Foren hört man, wie schwer es ist. Die Themen gehen tief und es wird einem viel abverlangt.

Um so schöner war es für mich zu merken „Ich kann das“. Und nicht nur „Ich kann das“, sondern „Ich habe da richtig Spaß dran“. „A Bit About Computer Science“ war überhaupt nicht trocken und Data-Structures, Algorithmen und Performance-Optimierung sind überraschenderweise Themen, die ich richtig spannend finde.

Es geht nicht ums "Developer werden"

Ich habe nicht das Ziel, Senior-Developer zu werden.

Ich will:

Das ist ein Unterschied. Es geht nicht um Status, nicht um Berufsidentität, sondern um Souveränität.

Warum jetzt?

Weil ich langfristig wieder gründen will. Und weil ich nicht noch einmal erleben möchte, dass mir technisches Verständnis fehlt, wenn strategische Entscheidungen anstehen.

Programmieren zu lernen ist für mich kein Trend. Kein Side-Project. Kein Selbstoptimierungs-Experiment.

Es ist ein Baustein für Unabhängigkeit.